Schwindel: Wenn sich alles um einen herum dreht

20. März 2018
15 Min.

Es fühlt sich an wie eine Karussellfahrt – nur leider ohne Karussell. Schwindel kann nicht nur unangenehm und verunsichernd sein, sondern Betroffene in ihrem Alltag auch stark einschränken. Erfahren Sie, was niedriger Blutdruck mit Schwindel zu tun hat und wie Sie die Beschwerden behandeln können.


Mehr als ein Drehwurm – Schwindel (Vertigo)

Was ist Schwindel?

Frau hält sich die Hand an die Stirn, weil Sie Schwindel überkommt.

Schwindel, fachsprachlich Vertigo, ist keine eigenständige Krankheit. Er ist vielmehr die Begleiterscheinung verschiedener Erkrankungen. Aus diesem Grund gibt es nicht nur eine, sondern mehrere potenzielle Ursachen für Schwindelanfälle. Sehr häufig ist Schwindel aber auf Störungen des Herz-Kreislauf-Systems zurückzuführen, genauer genommen auf einen niedrigen Blutdruck. Wird zu wenig Blut durch den Körper gepumpt, ist das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Das kann Schwindel auslösen.

Diagnose und unterschiedliche Formen von Schwindel

Erste Anlaufstelle bei Schwindelanfällen ist Ihr Hausarzt. Dieser wird Sie bei Bedarf an den entsprechenden Spezialisten (zum Beispiel einen Neurologen) überweisen. Bei der Anamnese (systematische Befragung des Patienten) fragt der Arzt den Patienten zunächst nach einer Beschreibung des Schwindels, der vorherigen Krankheitsgeschichte und der Medikamenteneinnahme. Zur Überprüfung des Blutdrucks wird ein spezielles Gerät verwendet. Durch diese Maßnahmen kann der Mediziner das Problem besser verstehen und gegebenenfalls erste Rückschlüsse auf die Ursache ziehen.

Horizontaler und senkrechter Drehschwindel

Der Drehschwindel ist eine Schwindelart, die mit dem Gleichgewichtssinn in Verbindung steht. Meistens treten die Schwindelanfälle plötzlich auf, und zwar dann, wenn der Gleichgewichtsnerv entzündet ist. Der Nerv transportiert die Gleichgewichtssignale vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr zum Gehirn. In vielen Fällen ist eine solche Entzündung auf eine Virusinfektion (Neuritis vestibularis) zurückzuführen. Als weitere Ursache für den Drehschwindel gilt die Morbus-Menière-Krankheit: Im Innenohr wird zu viel Lymphflüssigkeit gebildet, was sich wiederum auf das komplexe Gleichgewichtssystem auswirkt.

Als typisches Merkmal des horizontalen Drehschwindels gilt ein bestimmtes Drehgefühl. Betroffene haben bei dieser Schwindelart den Eindruck, dass sich die Umwelt beziehungsweise der Raum um sie selbst dreht.

Der senkrechte Drehschwindel, auch „Liftschwindel“ genannt, äußert sich bei Betroffenen durch ein ähnliches Gefühl wie beim Aufzugfahren. Der Boden scheint sich – ähnlich wie in einem Lift – zu heben oder zu senken und gleicht somit dem Starten sowie Stoppen eines Aufzugs. Für diese spezielle Drehschwindelart sind häufig psychische Ursachen verantwortlich.

Weitere Charakteristika von vertikalem und horizontalem Drehschwindel sind:

  • anfallartig auftretendes Schwindelgefühl
  • Übelkeit und Erbrechen als begleitende Symptome
  • Dauer der Attacke etwa 10 bis 40 Sekunden1

Hält das Schwindelgefühl länger an oder tritt häufiger auf, ist es ratsam, zeitnah einen Arzt aufzusuchen, um dem Problem auf den Grund zu gehen.

Schwankschwindel

Der Schwankschwindel lässt sich mit dem Gefühl vergleichen, das auftritt, wenn man bei stärkeren Welllengang auf hoher See über ein Schiffsdeck läuft. Betroffene haben den Eindruck, ihnen würde der Boden unter den Füßen weggezogen. Es wird schwieriger, normal zu gehen oder gar ruhig stehen zu bleiben.

Schwankschwindel ist häufig psychisch begründet (psychogener Schwindel). Gerade in Stress- und Angstsituationen manifestiert sich diese Schwindelform deutlich. Verspürt der Betroffene beispielsweise Angst, versucht der Körper den Herzschlag zu verlangsamen – dadurch kommt weniger Sauerstoff zum Gehirn und es entsteht Schwindel. Patienten können im Ernstfall Methoden zur Stressbewältigung oder Atemübungen anwenden, um sich in einer stress- oder angstauslösenden Situation zu beruhigen.

Achtung: Auch wenn der Schwankschwindel meistens mit Angstsituationen in Verbindung gebracht wird, können dennoch organische Ursachen der Grund für das Schwindelgefühl sein. Besteht bei Ihnen unter Schwindel Sturzgefahr, ist mitunter das Gleichgewichtszentrum betroffen. Holen Sie sich unbedingt ärztlichen Rat ein.

Benommenheitsschwindel

Betroffene beschreiben, dass sie die Welt wie durch eine matte Glasscheibe sehen, fühlen sich als würden sie ohnmächtig werden oder als seien sie betrunken. Dabei hat der Patient bei dieser Benommenheit keinerlei Bewegungsillusion und die Ursache liegt meist nicht im Gleichgewichtssystem. Diese Form des Schwindels tritt vor allem als Medikamentennebenwirkung auf. Aber auch eine Kreislaufschwäche, Blutzuckerstörungen (zum Beispiel Diabetes) oder eine Funktionsstörung des Gefäß- und Nervenleitsystems (beispielsweise Multiple Sklerose) sind möglich.

Lagerungsschwindel

Der sogenannte gutartige Lagerungsschwindel kommt vermehrt bei älteren Menschen vor, die über 60 Jahre alt sind. Doch auch jüngere Personen können die Symptome beispielsweise nach einer Kopf- oder Ohrverletzung durch einen Autounfall verspüren.

Lagerungsschwindel lässt sich anhand spezifischer Merkmale erkennen:

  • Augenzittern (im Fachjargon: Nystagmus)
  • Übelkeit bis hin zu Erbrechen
  • plötzlicher Schwindel oder auftretendes Drehgefühl

Letzteres tritt vor allem dann zutage, wenn sich die Position des Kopfes verändert – daher auch der Name „Lagerungsschwindel“. Gerade im Liegen, wenn Betroffene sich umdrehen, aus dem Bett aufstehen oder den Kopf neigen, wird ihnen schwindelig. Dieser Zustand dauert meistens nur einige Sekunden lang an.

Zurückführen lässt sich die Schwindelform auf eine Störung des Gleichgewichtsorgans. Im Innenohr befinden sich drei Bogengänge mit den Ohrsteinchen. Diese sogenannten Otoconien sind für den Gleichgewichtssinn besonders wichtig. Durch unfall- beziehungsweise gewaltbedingte Verletzungen (Traumata) oder im fortgeschrittenen Alter ist es möglich, dass sich die Position der freien Ohrsteinchen unverhältnismäßig stark verändert. Schnelle oder ruckartige Bewegungen des Kopfes fördern diesen Positionswechsel zusätzlich.

Dadurch werden falsche Signale an das Gehirn weitergeleitet, die nicht mit den Sehreizen übereinstimmen. Das Gehirn ist von den widersprüchlichen Informationen überfordert, wodurch ein Schwindelgefühl entsteht. Diese Art des Schwindels gleicht dem Drehschwindel: Betroffene haben den Eindruck, dass sich die Umwelt um sie selbst dreht.

Tipp: Dem durch Ohrensteinchen bedingten Lagerungsschwindel lässt sich mit dem sogenannten Sémont-Manöver entgegenwirken.3

  1. Der Patient sitzt seitlich sowie aufrecht mit hängenden Beinen auf einer Liege und dreht seinen Kopf in Richtung Schulter.
  2. Dann legt er sich so zur Seite, dass sein Blick zur Decke zeigt. Er hält dabei möglichst den Kopf in der Ausgangsposition. So bleibt er einige Sekunden liegen, bis der aufgekommene Schwindel sich wieder gelegt hat.
  3. Nun schwingt der Betroffene rasch von einer Seite auf die nächste, die Kopfhaltung bleibt komplett erhalten – das Gesicht zeigt also demnach jetzt auf die Liegenfläche. Nachdem in dieser Lage einige Sekunden verharrt wurde, sollten sich die kleinen Ohrsteine wieder gesetzt haben und der Patient darf sich langsam wieder aufsetzen.

Wichtig: Wenn sich bei Schritt zwei der Schwindel nicht verstärkte, muss die Sémont-Übung bitte noch einmal spiegelverkehr durchgeführt werden, denn dann ist das andere Ohr betroffen.

Ursachen von Schwindel im Überblick

Die Auslöser für Schwindelanfälle sind – wie ihre Ausprägungen – vielfältig. Da Schwindel als Begleiterscheinung auftritt, ist es wichtig, die tatsächliche Erkrankung ausfindig zu machen. Diese lässt sich nur von einem Arzt zweifelsfrei feststellen.

Die häufigsten Ursachen für Schwindel sind:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Kreislaufprobleme, zum Beispiel in Form von niedrigem Blutdruck, aber auch Bluthochdruck, sind mitunter für Schwindel verantwortlich. Andere Krankheiten wie Herzinsuffizienz oder Herzrhythmusstörungen sind möglich.
  • Störungen des Gleichgewichtsorgans: Diese Erkrankungen im Innenohr oder Entzündungen des Gleichgewichtsnervs können schwere Schwindelanfälle hervorrufen. Neuritis vestibularis äußert sich zum Beispiel in Form von anhaltendem Drehschwindel und ist eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs, die sich auf das gesamte Organ auswirkt.
  • Verletzungen des Gleichgewichtsorgans: In diesem Fall lockern sich im Innenohr sogenannte Ohrsteinchen (Otoconien) und gelangen in die Bogengänge. Bei einer Bewegung des Kopfes schwimmen sie in der Lymphflüssigkeit (Endolymphe) und reizen durch ihr Gewicht die Sinneszellen in den Bögen. Dem Gehirn wird fälschlicherweise eine Aktion übermittelt. Da die aber nicht mit der tatsächlichen Körperbewegung und den wahrgenommenen Sehreizen übereinstimmt, entsteht ein Gefühl von Schwindel.
  • Morbus Menière: Dabei handelt es sich um einen sogenannten Attacken-Schwindel, der durch einen Überdruck im Innenohr ausgelöst wird und meist in Verbindung mit Tinnitus aufritt. Er äußert sich häufig durch heftigen Drehschwindel und Übelkeit bis hin zu Störungen der Augenbewegung. Stress und eine familiäre Vorbelastung gelten als Ursache für Morbus Menière.
  • psychogener Schwindel: Patienten mit psychogenem Schwindel haben einen unsicheren Gang und neigen zum Hinfallen. Ausgelöst wird diese Art durch psychische Belastungen, wie etwa Angst, Panikattacken, Stress oder Phobien zum Beispiel bei Höhenangst. Begleitende Symptome wie Übelkeit oder Erbrechen sind in diesem Fall selten.
  • vestibuläre Migräne: Diese Art von Schwindel tritt ebenfalls als Attacke und mit Begleiterscheinungen wie Übelkeit sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit auf. Die Symptome ähneln denen einer klassischen Migräne.
  • Medikamente: Es gibt einige schwindelverursachende Medikamente wie zum Beispiel Blutdrucksenker, Antiallergika oder Antibiotika. Diese Nebenwirkung ist üblicherweise im Beipackzettel erwähnt.
  • Alkohol: Das berühmte „Glas zu viel“ löst ebenfalls oft Schwindel aus, weil die Gleichgewichtsregulation gestört ist. Dieser ist auch noch am nächsten Tag möglich.
  • Sehstörungen: Da das Gleichgewichtszentrum mit mehreren Verarbeitungsorganen der Augen verknüpft ist – wie zum Beispiel dem visuellen Cortex, einem Teil der Großhirnrinde –, können Sehstörungen wie der Graue Star zu Schwindelanfällen führen.

Darüber hinaus gibt es weitere mögliche Ursachen wie neurologische Störungen oder Wohngifte wie beispielsweise Schimmel. Insgesamt kann sich die Ursachenforschung bei Schwindel als durchaus schwierig erweisen, da es zahlreiche potenzielle Auslöser gibt.

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Behandlung von Schwindel

Wenn ein niedriger Blutdruck die Ursache von Schwindel ist, führt eine Therapie meist zu schnellen Erfolgen. Allerdings gilt es auch dann, den eigentlichen Grund für die Kreislaufschwäche herauszufinden.

Mögliche Behandlungsmethoden bei Schwindel durch Blutdruckprobleme:

  • Kreislauftropfen: Der Vorteil von Kreislauftropfen ist, dass deren Wirkung durch die flüssige Verabreichungsform meistens relativ schnell eintritt und sie sich daher besonders bei akuten Schwindel- und Übelkeitsanfällen eignen. Der Patient kann zwischen synthetischen Arzneimitteln und Phytopharmaka (ausschließlich pflanzliche Bestandteile) wählen. Pflanzliche Wirkstoffe wie Weißdorn und Kampfer regulieren bei letzteren niedrigen Blutdruck und helfen so bei Schwindel.
  • Homöopathie: Kampfer und Weißdorn sind zudem häufig Bestandteil homöopathischer Produkte, es können aber auch mineralische Inhaltsstoffe (zum Beispiel Argentum nitricum) genutzt werden. Diese sind besonders niedrig dosiert und sollen durch geringste Reize den Körper zur Selbstregulation des Schwindels anregen. Homöopathische Mittel gibt es als Tabletten oder Tropfen.
  • Hausmittel: Wechselwarme Wasseranwendungen nach Kneipp lassen sich zuhause unkompliziert, zum Beispiel in der Dusche oder Badewanne, umsetzen. Diese können den Kreislauf ordentlich in Schwung bringen und die Schwindelanfälle aus der Welt schaffen. Ein anderes Hausmittel ist die Akupressur des Qihai-Punktes. Dafür wird stumpfer Druck auf die etwa fünf bis zehn Millimeter unterhalb des Bauchnabels liegende Stelle ausgeübt. Ätherische Öle aus Kampfer, Rosmarin und Pfefferminze in einem kleinen Riechfläschchen gelten ebenfalls als Therapiemöglichkeit von Schwindel.
  • Ernährung: Viel lauwarmes Wasser trinken sowie salzreiche Nahrung und kleine Mahlzeiten verzehren – das sind weitere Maßnahmen zur Regulation von Schwindel.
  • Kreislauf stärken: Regelmäßiges Herz-Kreislauf-Training – mindestens 30 Minuten täglich – stärkt das Herz, sodass der Körper nicht mehr so anfällig für niedrigen Blutdruck und im Weiteren für Schwindel ist.4 Auch Faktoren wie Stress und zu flache Atmung beeinflussen den Kreislauf, Stressbewältigung und Atemtechniken wirken Bluthochdruckstörungen entgegen und regulieren den Herzrhythmus.

Nicht zu empfehlen: Kaffee sollte bei Schwindel nicht zum Einsatz kommen. Er erhöht zwar für eine kurze Zeit den Blutdruck, dieser fällt danach aber umso stärker wieder ab.

Bevor Sie eine der aufgeführten Methoden ausprobieren, sollten Sie auf jeden Fall Ihren Arzt aufsuchen. Denn wenn der Schwindel beispielsweise durch eine Sehstörung bedingt ist, dann bringt Ihnen das Herz-Kreislauf-Training wahrscheinlich genauso wenig wie die Akupressur. Darüber hinaus kann eine falsche Behandlung, vor allem bei unentdeckten Herzproblemen, sogar schwerwiegende Folgen, wie einen Herzinfarkt, haben. Besser: Lassen Sie sich gründlich untersuchen, damit Sie nach gestellter Diagnose die richtige Behandlung erhalten.

Monika Hortig
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Medizinredakteurin
Carolin Stollberg
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